Gewässerperle PLUS
Alte Bäume mit ausladender Krone am Wasser sind selten geworden. Solchen Zukunftsbäumen ist bei der Bepflanzung Platz einzuräumen (Thur-Binnenkanal kurz vor der Mündung (c) T. Stäheli / WWF Schweiz)

Aus Gewässernetz wird Lebensnetz – warum Ufervegetation für lebendige Gewässer unverzichtbar ist

Wer heute an vielen Bächen und Flüssen in der Schweiz entlangspaziert, sieht offene, gepflegte Ufer – frei von Büschen und Bäumen. Kein Schatten, kein Rascheln von Blättern, kein Zwitschern von Vögeln. Was aufgeräumt wirkt, ist aus ökologischer Sicht oft ein Armutszeugnis. Denn natürliche Fliessgewässer sind mehr als sauberes Wasser im Gerinne. Sie sind vielfältige Lebensräume, eingebettet in bewachsene, strukturreiche Ufer.

Natürlicher Zustand: Geborgene Gewässer – getragen von lebendigen Ufern

Unterhalb der Waldgrenze und ausserhalb von Feuchtgebieten waren Fliessgewässer in der Schweiz natürlicherweise fast immer von Gehölzen begleitet. Büsche, Sträucher und Bäume entwickelten sich entlang der Ufer im Wechselspiel von Hochwasser, Erosion und Auflandung. Diese Vegetation verband das Gewässer mit dem umliegenden Land, schuf Übergänge zwischen Wasser‐ und Landlebensräumen und machte Flüsse und Bäche zu linearen Hotspots der Biodiversität. Ein Gewässer war nie nur eine Linie im Gelände – sondern ein breiter, vielfältiger Korridor des Lebens.

Verlorene Funktionen an kahl gewordenen Ufern

Heute fehlt diese Ufervegetation vielerorts. Hochwasserschutz, Verbauungen und eine intensive Nutzung bis an den Gewässerrand haben dazu geführt, dass Gehölze entfernt und nicht mehr zugelassen werden. Die Folgen sind gravierend: Lebensräume für Insekten, Amphibien, Vögel und Kleinsäuger gehen verloren, ebenso kühle, feuchte, in der Nacht dunkle Verbreitungskorridore für scheue Arten. Gleichzeitig verlieren die Gewässer wichtige Funktionen – von der natürlichen Stabilisierung der Ufer bis zur Filterung von Nähr‐ und Schadstoffen aus der Umgebung. Wo Ufer kahl sind, fehlen Puffer, die Gewässer widerstandsfähig machen.

Uferbestockung: grosse Wirkung mit wenig Aufwand

Genau hier liegt eine grosse Chance. Die Wiederherstellung der Ufervegetation gehört zu den wirkungsvollsten und gleichzeitig einfachsten Massnahmen im Gewässerschutz. Auch wenn wir dadurch nicht überall Gewässerperlen von heute auf morgen erschaffen können: Diese effiziente Verbesserungsmassnahme schafft auf kleinem Raum vielfältige Lebensräume, strukturiert Ufer und Gewässer, vernetzt Lebensräume entlang des Flusses und trägt zur Beschattung und Kühlung des Wassers bei.

Wichtig ist dabei die richtige Gestaltung. Es geht nicht darum, alle Ufer gleichmässig dicht zu bepflanzen. Untersuchungen zeigen: Am meisten profitieren prioritäre Arten von einer lückigen, mosaikartig aufgebauten Uferbestockung. Die Faustregel lautet: rund 80 % beschattete Abschnitte, kombiniert mit etwa 20 % offenen Bereichen.
Diese Strukturvielfalt ermöglicht gleichzeitig Rückzugsräume, Deckung und kühle Zonen – und erhält offene, warme Bereiche für lichtliebende Pflanzen und Tiere. In der heutigen Realität unserer Gewässer bedeutet „lückige Bestockung“ vor allem eines: aufstocken, aufstocken, aufstocken – denn die Lücken, die haben wir schon.

Beschattung, Laubeintrag, Puffer gegen Nährstoffeintrag: eine natürliche Ufervegetation erfüllt viele Funktionen – und ist schön. (Büttengraben SO (c) G. Aebli / WWF Schweiz)

Vom ausgeräumten Raum zur lebendigen Landschaft

Bewachsene Ufer gliedern die Landschaft und verleihen Struktur, Kleinräumigkeit und Orientierung. Wechselnde Farben, Licht‐ und Schattenspiele sowie das Nebeneinander von offenen und geschützten Bereichen schaffen vielfältige, lebendige Landschaften. Mit der Ausräumung der Landschaft gingen nicht nur ökologische Werte verloren, sondern auch Massstäblichkeit und Aufenthaltsqualität. Wo Ufer wieder bewachsen sind, gewinnen Landschaften Halt und Charakter zurück: Sie strukturieren Räume, rahmen Wege und laden zum Verweilen ein.

Zwei drängende Probleme – eine Lösung

Die Wiederherstellung der Uferbestockung adressiert zudem zwei der aktuell grössten Herausforderungen für unsere Fliessgewässer: Stoffbelastung und Erwärmung.

Nährstoffe, Pestizide und andere Mikroverunreinigungen gelangen vielerorts oberflächlich von Feldern und Siedlungen direkt in die Gewässer. Bewachsene Uferstreifen wirken hier als natürliche Filter und Puffer. Gleichzeitig nehmen die Wassertemperaturen infolge des Klimawandels deutlich zu. Fehlende Beschattung verschärft dieses Problem besonders in kleineren und mittleren Gewässern. Ufergehölze reduzieren die direkte Sonneneinstrahlung und schaffen lebenswichtige Temperaturrefugien – ein zentraler Beitrag zur Klimaanpassung.

Eine Chance, die wir nutzen sollten

Die Wiederherstellung der Ufergehölze ist kein Luxus und kein Nischenthema. Sie ist eine pragmatische, kosteneffiziente und breit akzeptierte Möglichkeit, die Qualität unserer Gewässer rasch und nachhaltig zu verbessern. Mit wenig Aufwand lässt sich viel Wirkung erzielen und die letzten Gewässerperlen können wieder vergrössert und miteinander vernetzt werden. Für lebendige Gewässer, für die Biodiversität und für uns Menschen.