Gewässerperle PLUS
Geweih-Armleuchteralge (Chara tomentosa) im Silsersee (GR), Foto: AquaPlus

Armleuchteralgen: Ökosystem-Ingenieure für Gewässer

Wer am Ufer eines unberührten Gewässers steht und in die Tiefe blickt, entdeckt mit etwas Glück grüne, filigrane Teppiche am Grund. Es sind keine gewöhnlichen Wasserpflanzen, sondern Armleuchteralgen (Characeen). Diese oft übersehene Artengruppe ist nicht nur von faszinierender Schönheit, sondern spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit unserer Gewässer – und sie ist bedrohter als fast jede andere Artengruppe.

Armleuchteralgen sind biologisch gesehen mehrzellige Makroalgen. Sie sind echte Urgesteine der Evolution; Fossilien belegen, dass ihre Vorfahren bereits vor über 400 Millionen Jahren existierten. Besonders faszinierend findet Corinna von Kuerthy, Projektleiterin bei UNA Atelier für Natur und Umwelt AG, denn auch die Überdauerungsorgane der Armleuchteralgen, die sogenannten Oosporen: «Mit diesen können sie im Sediment viele Jahre überstehen und keimfähig bleiben. Verbessern sich die Bedingungen in einem Gewässer, können plötzlich wieder grosse Bestände auftreten.»

Ihren deutschen Namen verdanken Armleuchteralgen ihrer einzigartigen Wuchsform: Die seitlichen Äste sind armleuchterartig um den Hauptspross angeordnet. Diese Struktur macht sie unverwechselbar, auch wenn die Bestimmung der einzelnen Arten meist Expert:innenwissen und ein gutes Binokular erfordert.

Armleuchteralgen sind oft ein Hinweis auf gute Wasserqualität, nicht selten ist das Wasser kristallklar. Für Gewässer sind sie von unschätzbarem Wert, denn als Ökosystem-Ingenieure übernehmen sie zentrale Aufgaben:

  1. Nährstofffilter: Sie entziehen dem Wasser aktiv Nährstoffe und verhindern so eine Überdüngung. Gleichzeitig sind sie wichtige Sauerstoffproduzenten.
  2. Stabilisatoren: Ihre dichten Bestände, die oft ganze Unterwasserwiesen bilden, halten das Sediment am Boden fest. Dadurch wird weniger Schlamm aufgewirbelt und das Wasser bleibt transparent.
  3. Lebensraum: Zudem bieten sie Laichplätze, Verstecke und Nahrung für unzählige Wasserlebewesen.

In der Schweiz kommen verschiedene Gattungen der Armleuchteralge vor. So wurde beispielsweise im Glenner (romanisch: Glogn) im bündnerischen Val Lumnezia eine Armleuchteralge nachgewiesen. Hier fliesst das Wasser durch unzugängliche Schluchten und bildet im unteren Teil wertvolle Auenlandschaften mit Kiesinseln und Tümpeln.

Glenner (Glogn) / Val Lumnezia, Foto: Lukas Bammatter (WWF)

Diese gilt es zu schützen. Denn: So widerstandsfähig ihre Vorfahren über Jahrmillionen waren, so empfindlich reagieren Armleuchteralgen heute auf Umweltveränderungen. Die meisten ihrer Art benötigen saubere, nährstoffarme Gewässer – seien es klare Seen, Tümpel oder langsam fliessende Bäche.

Genau diese Lebensräume werden immer weniger. Über 90 Prozent der Auengebiete der Schweiz sind bereits verschwunden. Wie Yvonne Bernauer, Projektleiterin bei AquaPlus AG, sagt, gibt es zwar auch in vielen grossen Schweizer Seen ausgedehnte Bestände von Armleuchteralgen. Doch auch diese stehen unter hohem Nutzungsdruck: «Ursprünglich naturnahe Uferbereiche sind verbaut und ausgedehnte Flachwasserzonen mit dichten, vielfältigen Beständen gehen dadurch verloren.» Heute stehen bereits 87 Prozent der Schweizer Armleuchteralgen auf der Roten Liste und gelten als gefährdet. Hauptursachen für ihren Rückgang sind neben der Verbauung von Uferbereichen die Überdüngung und ihre Verdrängung durch invasive Arten.

Damit spiegeln Armleuchteralgen den kritischen Zustand unserer Gewässer deutlicher wider als viele andere Organismengruppen. Entsprechend leisten der Schutz dieser Gewässer und die Revitalisierung von Seeufern einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung der einheimischen Unterwasservegetation. Genau deshalb zeichnet Gewässerperle PLUS unberührte Bäche und Flüsse in der Schweiz aus – um weiterhin für intakte Lebensräume von Arten wie der Armleuchteralge zu sorgen.