Gewässerperle PLUS
Aufnahme einer Wildtierkamera aus dem Oberengadin von 2024. © Amt für Jagd und Fischerei Kanton Graubünden

Heimliche Rückkehr: Wie der Fischotter Schweizer Gewässer zurückerobert

Fast zwei Jahrzehnte lang galt der Fischotter in der Schweiz als ausgestorben. Dank seiner Anpassungsfähigkeit taucht er nun langsam wieder in und an unseren Gewässern auf – insbesondere im Oberengadin. Doch als scheuer Einzelgänger ist der Wassermarder bei seiner Rückkehr mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert.

Der Fischotter hat in der Schweiz ein beeindruckendes Comeback gegeben. 1989 galt er offiziell als ausgestorben, regional verschwand er allerdings bereits Jahrzehnte früher. Seit 2009 kehrt das scheue Tier langsam wieder in die Schweizer Gewässer zurück und konnte inzwischen an sechs grossen Schweizer Fliessgewässern nachgewiesen werden: an Aare, Emme, Linth, Rhein, Ticino, Rhone und Inn.

Das Oberengadin als Schlüsselgebiet

Im Herbst 2017 war es eine kleine Sensation, als bei Samedan im Oberengadin nach jahrzehntelanger Abwesenheit wieder ein Fischotter in eine Wildtierkamera des Amts für Jagd und Fischerei (AJF) tappte.

Seither sind Fischotter entlang des Inns dauerhaft präsent. Das Oberengadin spielt für die Wiederbesiedlung Graubündens eine Schlüsselrolle. Die ersten fünf Fortpflanzungsnachweise im gesamten Kanton wurden hier dokumentiert. Erst im August 2025 veröffentlichte das Amt für Jagd und Fischerei erneut eine Meldung über bestätigten Nachwuchs.

Perfekt getarnt und mit grossem Hunger

Der Fischotter ist ein hochspezialisiertes, semiaquatisches Raubtier. Sein Körper ist ideal auf das Leben im und am Wasser ausgerichtet. Auffällig ist die Anordnung der Sinnesorgane: Augen, Ohren und Nase liegen auf einer horizontalen Linie. Beim Schwimmen kann er alle Sinne über der Wasseroberfläche einsetzen, während der restliche Körper getarnt bleibt.

Gleichzeitig hat der Fischotter einen besonders hohen Stoffwechsel. Im Vergleich zu Landsäugetieren benötigt er viel Energie und entsprechend Nahrung. Hauptsächlich steht Fisch auf dem Speiseplan – täglich kann ein Fischotter bis zu 15% seines eigenen Körpergewichts fressen.

Es geht nur langsam voran

Trotz der positiven Entwicklung breiten sich Fischotter in der Schweiz nur langsam aus. Die Population befindet sich insgesamt noch immer in einer frühen Besiedlungsphase.

Eine der grössten Gefahren ist der Strassenverkehr. Immer wieder kommen Tiere beim Überqueren von Strassen ums Leben. Initiativen wie das Projekt «Untendurch» der Stiftung Pro Lutra untersuchen, wie fischotterfreundlich Brücken gestaltet sind, damit die Tiere Strassen gefahrlos unterqueren können.

Hinzu kommt, dass Fischotter Einzelgänger sind und grosse Reviere benötigen. Im Alpenraum umfasst ein solches meist eine Flusslänge zwischen sechs und 21 Kilometern. Entscheidend für die Besiedlung und das längerfristige Vorkommen der Art ist dabei vor allem eins: genügend Fisch. Voraussetzung dafür ist ein funktionierendes Ökosystem, in dem die Beutetiere ausreichende Habitate für Nahrung und Fortpflanzung finden.

Da Fischotter mehrheitlich nachtaktiv sind, viel schlafen und sensibel auf Störungen reagieren, sind sie auf ober- und unterirdische Verstecke angewiesen. Voraussetzung dafür ist eine naturnahe Ufervegetation mit Rückzugsorten.

Ova Chamuera © A. Riggenbach / WWF Schweiz

Naturnahe Gewässer als Lebensraum

Naturnahe Gewässer spielen eine Schlüsselrolle für die Zukunft des Fischotters. Sie fördern die Artenvielfalt und sichern sowohl seinen Lebensraum als auch seine Nahrungsgrundlage. Für Menschen ist der Fischotter deshalb ein wichtiger Indikator für den Zustand von Fliessgewässern. Wie Cathérine Frick, akademische Mitarbeiterin beim Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden, ausführt, «kann der Fischotter als Botschafter für Gewässer mit vielfältigen Fischbeständen dazu beitragen, die Bevölkerung für Massnahmen zur Sanierung und Revitalisierung von Flüssen und Bächen zu sensibilisieren».

Unberührte Gewässer, wie sie der Verein Gewässerperlen mit seinem Label auszeichnet, bieten besonders gute Bedingungen für die Art. So wurden etwa die beiden Bergbäche Beverin und Ova Chamuera im Oberengadin – beide Zuflüsse des Inns – mit dem Label Gewässerperle PLUS ausgezeichnet. Sie liegen in einem Gebiet, das für die Rückkehr des Fischotters in der Schweiz eine wichtige Rolle spielt.